GeraldoWine

  Es war ein herrliches Haus an der Hafenanlage. Ganz versteckt stand es zwischen den modernisierten Lagerhallen und Anlegern der Bethnal Green Docks. Deren Bewohner nahmen das Gebäude kaum wahr. Die Blicke der vorübergehenden Touristen glitten über die Fensterfronten der Coffeeshops zu den Geschäftseingängen, hinter dessen abendsonnenbestrahlten Scheiben es von Leben wimmelte.
Die wenigen, denen das viktorianische Haus auffiel, liessen ihre Augen einen Moment über die schöne Fassade wandern, um dann die Stirn kraus zu ziehen, darüber das sie verschandelt war durch die Anbringung elektronischer Fensterläden.

       Hinter diesen geschlossenen Rollläden ging es nicht ruhiger als auf der Straße zu. Geraldo lief kopflos die Treppen seines Hauses rauf und runter. Aus einer undefinierten Ecke der Räume erklang ein sonores Schellen.
“Wo ist es nur?
Geraldo blieb einen Moment auf dem Treppenabsatz des zweiten Stocks stehen, eine rotweiße Karte in den Händen drehend. Er las sie zum zweiten Mal:

Paketlieferservis DockPost
Herr/Frau Geraldo Wine
Privat Investment
113 Wapping High Street
E1 Wapping

 

Sie waren nicht erreichbar!
Holen Sie das Paket/Päckchen am
Post Office Bethnal Green
365 Bethnal Green Road
E2 0AN
ab – heute, am nächsten Werktag, frühestens morgen.

 

     Geraldo Wine, in der Londoner Bänkerwelt bekannt für seine Macken, so viele wie die Tower Bridge lang war, verfluche sich heute dafür, nur einen Butler angestellt zu haben.
 “Und warum hat Charles schon wieder eine freien Tag?”, überlegte er. Geraldo haste es, von Jemanden abhängig zu sein. Er hatte den Postboten verpasst, konnte das verfluchte Telefon nicht finden
-“dieses Läuten verfolgt mich noch bis ins Grab!”-
 und es war für ihn viel zu früh, um sich darüber aufzuregen. Er schloss die Augen, versuchte sich zu entspannen und spitzte die Ohren, fest entschlossen, das Telefon ausfindig zu machen.

     Langsam stieg er hinunter in den ersten Stock. Das Klingeln war lauter, fast penetranter geworden. Er trat in die Eingangsdiele, in der eine Chippendalekommode stand. Darauf sollte immer ein silbernes Tablett liegen mit den wichtigsten Dingen, die er brauchte, wenn er ausging: Die Haustürschlüssel, eine Geldklammer, Papiere - je nach Gelegenheit und Anlas lag ein kleines Gastgeschenk bereit, daß sein Butler Charles ihm zuvor besorgt hatte.

     Achtlos hatte Geraldo nach dem Aufstehen den Stapel Zeitung, Prospekte und Briefumschläge der heutigen Post auf die Kommode geworfen, und genau unter diesem Stapel läutete es verräterisch. Er griff darunter und zog ein, seiner Meinung nach viel zu kleines, schnurrloses Telefon hervor.
Er hielt es sich an die Ohrmuschel und fragte: >>Ja?<<
Nichts geschah. Das Telefon klingelte weiterhin. Verwundert sah Geraldo auf das Display, knurrte auf und drückte den Verbindungsknopf. >>JAA?<<, wiederholte er ungeduldig.
>>Radu? Bist Du es?<<
Geraldo spürte, wie seine Kehle ausdörrte.
>>Radu?<<
Er konnte das feine Lächeln des Anrufers beinahe sehen. Ein mittlerweile fast vergessenes Gefühl des Entsetzens machte sich in seinem leeren Magen breit.
>>Hast Du es bekommen? Das Päckchen? Hast Du Fragen dazu, kleiner Radu?<<
Geraldo sah wieder aufs Display, murmelte lautlos die Nummer, die es anzeigte und brach das Gespräch ab.


© Anja Bergmann 2007

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